Alles Kopfsache? Über die Rolle der Psyche bei Rückenschmerzen

In diesem Artikel werfen wir einen Blick nach innen. Eine Perspektive, die einen gesunden Umgang mit Schmerzen allgemein und insbesondere Rückenschmerzen unterstützen kann.

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Bei Rückenschmerzen spielen oft psychische Faktoren eine Rolle

„Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“

Definition von “Gesundheit” laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO)

Die WHO definierte bereits im Jahr 1946, dass der Gesundheitsbegriff, neben körperlichem Wohlbefinden, auch die psychische Verfassung mit einschließt.(1) Mittlerweile gibt es viele Therapiekonzepte, die ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit zur Grundlage haben. Dass Körper und Geist getrennt voneinander betrachtet und behandelt werden sollten, ist also längst überholt.

In diesem Artikel werfen wir einen Blick nach innen. Eine Perspektive, die einen gesunden Umgang mit Schmerzen allgemein und insbesondere Rückenschmerzen unterstützen kann.

Stress als Schmerzverstärker

Zur psychischen Gesundheit gehören Emotionen, Gedanken und auch unsere soziale Teilhabe. Auch die Lebensqualität wird durch unseren mentalen Zustand beeinflusst und zwar in gleichem Maße, wie es die körperliche Gesundheit tut.(2)

Ein gutes Beispiel für das Zusammenspiel von Psyche und Körper ist die wohl bekannteste aller emotionalen Anstrengungen. Wir kennen sie unter dem Namen Stress. Bei Stress oder auch Angst ziehen sich die Schulter- und Nackenmuskeln automatisch zusammen.(3) Es kommt zu einer erhöhten Körperspannung – einem Alarmzustand, der während der Steinzeit das Überleben unserer Vorfahren sicherte. Zu dieser Zeit musste der Körper blitzschnell einsatzbereit sein, um vor wütenden Mammuts und Säbelzahntigern davonlaufen zu können. Kurzfristig ist diese Körperspannung durchaus nützlich, dank ihr können wir bei Gefahr Höchstleistungen erbringen. Fühlen wir uns jedoch dauerhaft belastet, lässt die Muskulatur nicht mehr locker – der Körper spiegelt dann unsere innere Anspannung wider.

„Sobald ein Mensch Stress empfindet, sendet das Gehirn Informationen an die Muskulatur und diese spannt sich an. Bleibt die Stresssituation länger bestehen, bleibt auch die muskuläre Anspannung bestehen. Stressbedingte Dauerverspannungen der Rücken-, Schulter- oder Nackenmuskulatur sind die Folge“, so Daniel Kučera, Chefarzt der Helios Fachklinik Hildburghausen für psychosomatische Medizin und Psychotherapie.(4)

Wie sensibel unser Körper auf psychische Vorgänge reagiert, bestätigen zahlreiche Expert:innen unterschiedlicher Fachrichtungen.

Psychische Ursachen von Schmerz

Eine Forschungsgruppe vom Universitätsklinikum in Jena fand beispielsweise heraus, dass die eigene Stimmung das Schmerzempfinden beeinflusst. Dazu nutzten er und sein Team ein Gitter aus Wärme- und Kältereizen, das bei Menschen einen Schmerz auslösen kann. Das Ergebnis: Teilnehmende, die generell gesund waren, jedoch in eine traurige Stimmung versetzt wurden, spürten deutlich intensivere Schmerzen als die Kontrollgruppe. Testpersonen mit einer leichten Depression oder Neigung zum Grübeln zeigten ebenfalls eine erhöhte Schmerzempfindung.(5)

Sigrid Elsenbruch, Professorin für experimentelle Psychobiologie am Uniklinikum in Essen, beschäftigt sich ebenfalls mit menschlichen Emotionen und ihrer Wirkung als Schmerzverstärker. “Wir wissen, dass negative Gefühle wie Angst und Hilflosigkeit zu einer Verstärkung der Schmerzen führen können”, so Elsenbruch. “Je mehr Furcht ich vor Schmerzen habe, desto mehr Raum nehmen sie ein. Dann bestimmen die Ängste unser Verhalten und begünstigen damit eine Chronifizierung.”(6)

Damit spricht die Professorin ein wichtiges Problem an: Angst und Schmerz beeinflussen einander. Wenn wir Angst vor Schmerz haben, richten wir unsere Aufmerksamkeit ständig darauf, Schmerzen zu vermeiden. Wenn uns bereits etwas weh tut, fürchten wir uns davor, dass es noch mehr schmerzen könnte. Dieser Teufelskreis führt im ungünstigsten Fall zu einer Chronifizierung.

Chronische Schmerzen

Wenn Schmerzen länger als drei Monate anhalten, spricht man von chronischen Schmerzen. Chronische Schmerzen können auch dann auftreten, wenn die ursprüngliche Verletzung oder Krankheit, die den Schmerz ausgelöst hat, bereits verheilt ist. Laut der Schmerzforschung liegt das an dem Phänomen des “Schmerzgedächtnisses”.

Schmerz entsteht dann, wenn ein Reiz über Nerven an das Gehirn weitergeleitet wird. Diese Reizübertragung geschieht über die Synapsen – kleine Kontaktstellen, die Nervenzellen miteinander verbinden. Geschieht eine Übertragung immer wieder, wie zum Beispiel bei länger andauernden Schmerzen, passen sich die Synapsen an – sie werden größer, um die Übertragung effektiver zu ermöglichen. Es entsteht eine regelrechte “Schmerzspur”, die sich bis ins Gehirn fortsetzt. Dort kann der Schmerz wie eine Erinnerung erhalten bleiben und immer wieder neu aufgerufen werden.(7)

So entsteht ein sogenanntes Schmerzgedächtnis. Bei chronischen Schmerzen senden die Synapsen in einigen Fällen weiterhin Signale an das Gehirn, ohne dass ein Reiz vorhanden ist.(8) Die Signalverarbeitung ist dann krankhaft verändert.

Die Rolle der Psyche bei Rückenschmerzen

Kommen wir nun zu einer spezifischen Art von Schmerz, den Rückenschmerzen. Chronische Rückenschmerzen sind weit verbreitet. Etwa jeder zehnte erwachsene Mensch ist davon betroffen. Neben der körperlichen Krankengeschichte spielt die Psyche bei Rückenschmerzen eine große Rolle. Die medizinische Psychologin Monika Hasenbring, Professorin an der Universität Bochum, hat durch klinische Interviews festgestellt, dass Rückenschmerz häufig als bedrohlich wahrgenommen wird, “bis hin zu dem Gefühl, dass einem der Rücken durchbricht“, so Hasenbring.(9) Daraus entsteht ein ängstliches Verhalten, was wiederum den Schmerz verstärkt, wie wir oben schon gelernt haben. Das Fear-Avoidance-Modell erklärt diesen Vorgang als Angstvermeidungsverhalten. Nach einer Verletzung folgt häufig eine Schonphase. Anschließend nehmen die meisten Menschen allmählich ihre körperliche Aktivität wieder auf. Es gibt jedoch Patient:innen, die der Überzeugung sind, dass eine “falsche” Bewegung so schadhaft sein könnte, dass sie es aus Angst vermeiden, ihre Schonhaltung aufzugeben.(10)

Einen interessanten Ansatz verfolgt die pain reprocessing therapy. Dabei weist ein Therapeut oder eine Therapeutin Patient:innen an, eine Körperhaltung einzunehmen, die ihnen eigentlich Angst macht. Während der Therapie werden verschiedene Methoden angewandt, um den Patient:innen zu vermitteln, dass nicht jeder Schmerz auf körperliche Ursachen zurückzuführen ist. Eine Studie hat untersucht, wie die pain reprocessing therapy im Vergleich zu einer konventionellen und einer Placebo-Behandlung wirkt. Das Ergebnis: Die Gruppe, die lernte, bestimmte Körperbewegungen nicht mehr zu meiden und eher ihr Gehirn als Ursache der Schmerzen zu sehen, berichtete von deutlich weniger Beschwerden nach acht Wochen. Auch ein Jahr nach der Behandlung war dieser Effekt noch nachweisbar.(11),(12)

Ansätze der multimodalen Therapie

Auch andere Therapien verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz in der Behandlung von Rückenschmerzen, so zum Beispiel die multimodale Therapie. Sie berücksichtigt Belastungsfaktoren auf Grundlage des bio-psycho-sozialen Modells, das 1977 durch den Psychiater und Medizintheoretiker Georg L. Engel definiert wurde. Laut seiner Theorie sollten biologische, psychologische und soziale Faktoren berücksichtigt werden, wenn es um die Entstehung und Behandlung von Krankheiten geht.
Nach Engel sind “Gedanken und Gefühle […] nicht nur psychische, sondern immer zugleich auch körperliche Ereignisse – sie alle gehören ein und demselben Prozess an, auch wenn sie als unterscheidbare Phänomene erscheinen und in zwei unterschiedlichen Sprachsystemen beschrieben werden.”12

Biologische Faktoren
  • Genetik
  • Infektionen (Viren, Bakterien)
  • Organische Aspekte
  • Neurologie
  • Vorangegangene Verletzungen
Psychische Faktoren
  • Traumata
  • Verhalten
  • Emotionen
  • Kognitionen und Gedanken
  • Ängste
  • Bewältigungsstrategien
Soziale Faktoren
  • Umwelteinflüsse
  • Beruf
  • Soziales Umfeld
  • Wohnen
  • Sozioökonomischer Status

Tabelle 1: Definitionen der verschiedenen Faktoren im bio-psycho-sozialen Modell.(13),(14)

Unter der multimodalen Schmerztherapie versteht man weiterhin die ganzheitlich orientierte, umfassende Behandlung von Personen mit Schmerzerkrankungen. Es sind mindestens drei Berufsgruppen an der Behandlung der Patient:innen beteiligt: Ärzt:innen, Psycholog:innen und Bewegungstherapeut:innen. Eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit ist eine Grundvoraussetzung der multimodalen Schmerztherapie, um eine optimale Versorgung zu gewährleisten. Im Therapieprogramm sind sowohl ärztliche, bewegungstherapeutische als auch psychologische Einheiten enthalten.

Tun, was die Psyche stärkt

Entspannungstechniken
Geistige Entspannungsverfahren, können sowohl dabei helfen, Muskelverspannungen zu lösen als auch den Umgang mit Stress und anderen psychischen Belastungen erleichtern.(15),(16) Entspannung ist ein wesentlicher Bestandteil der multimodalen Schmerztherapie und wird besonders in der Schmerzpsychotherapie häufig angewendet. Dabei werden zum Beispiel Atem- oder Achtsamkeitsübungen vermittelt, sowie die Progressive Muskelentspannung und Autogenes Training. Durch gezielte Übungen wird eine Entspannungsreaktion im Körper herbeigeführt, bei der es zu einer Reduktion des körperlichen und psychischen Anspannungsniveaus kommt. Anfangs kann es auch passieren, dass Unruhe oder Nervosität auftreten – dadurch sollte man sich nicht verunsichern lassen. Der Entspannungseffekt ist meist erst nach zwei Wochen täglichem Üben spürbar.(17)

Selbstmanagement 
“Hilfe zur Selbsthilfe” ist das wichtigste Motto, um bei Schmerzen die Psyche zu stärken. Wenn Patient:innen selber wissen, mit welchen individuellen Strategien sie ihre Schmerzen lindern können, fühlen sie sich selbstwirksamer und eigenständiger. Ein wichtiger Baustein auf dem Weg dorthin: Psychoedukation. Dabei geht es im Wesentlichen um Wissensvermittlung. So lernen Patient:innen Methoden der Schmerzbewältigung und den Umgang mit Stress oder anderen Alltagsbelastungen. Bei allem liegt der Fokus darauf, die allgemeine Lebensqualität der Patient:innen zu verbessern.

Das bestätigt auch Dr. Dipl. Psych. Barbara E. Timmer. Sie praktiziert an der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee und bestätigt den positiven Effekt der Wissensvermittlung bei chronischen Schmerzen. “Wir informieren den Patienten, erklären Hintergründe und Zusammenhänge”. Wichtig dabei sei, Patient:innen aus einer passiven “Mach-mich-gesund-Haltung” in eine aktive Rolle zu bringen, in der sie Eigenverantwortung übernehmen und eine eigene Gesundheitskompetenz zu erlangen.(18)

Sind Schmerzen also doch “nur” Kopfsache? Sicherlich nicht nur, aber der Kopf spielt eine ganz entscheidende Rolle bei der Wahrnehmung von Schmerzen und unserem Umgang damit. Wie wir nun wissen, können bei der Behandlung weder Schmerzen noch die Psyche isoliert voneinander betrachtet werden. Ein Gespür für ihr komplexes Zusammenspiel zu entwickeln, ist keine leichte Aufgabe, aber eine, die unser Verständnis von Gesundheit und unsere Möglichkeiten der Schmerzlinderung erweitert.

Quellen
(1) https://eref.thieme.de/ebooks/cs_11276257#/ebook_cs_11276257_cs94
(2) https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Themen/Psychische_Gesundheit/Psychische_Gesundheit_node.html
(3) http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S088761850800090X
(4) https://www.helios-gesundheit.de/magazin/ruecken/news/psychische-verspannungen/
(5) https://www.psychologie-heute.de/gesundheit/artikel-detailansicht/39305-so-laesst-der-schmerz-nach.html
(6) https://www.dasgehirn.info/krankheiten/schmerz/wie-gedanken-den-schmerz-steuern
(7) https://www.aok.de/bw-gesundnah/vorsorge-und-gesundheit/schmerzgedaechtnis-entstehung-und-behandlung
(8) https://bomedus.com/blog/blogartikel/27_der-koerper-vergisst-nicht-wie-das-schmerzgedaechtnis-entsteht/
(9) https://www.psychologie-heute.de/gesundheit/artikel-detailansicht/40708-meine-schmerzen-und-ich.html
(10) https://www.karger.com/Article/Fulltext/510169
(11) https://www.psychologie-heute.de/gesundheit/artikel-detailansicht/41643-wo-der-schmerz-herkommt.html
(12) Yoni K. Ashar u.a.: Effect of pain reprocessing therapy vs. placebo and usual care for patients with chronic back pain. JAMA Psychiatry, 2021. DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2021.2669
(13) M. Holme, Reha-Zentrum Bad Pyrmont D. Küch Reha-Zentrum Bad Sooden-Allendorf C. Derra, Reha-Zentrum Bad Mergentheim DRV, (2012, S. 33)
(14) https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/psychologie/chronische-schmerzen-und-ihre-folgen/
(15) https://www.osa.fu-berlin.de/psychologie/aufgaben/klinische_gesundheit/index.html
(16) http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S088761850800090X
(17) Von Wachter, M., & Hendrischke, A. (2016). Das Manual–Psychoedukation bei chronischem Schmerz. In Psychoedukation bei chronischen Schmerzen (pp. 29-37). Springer Berlin Heidelberg.
(18) Diezemann, A. (2011). Entspannungsverfahren bei chronischem Schmerz. Der Schmerz25(4), 445-453. https://link.springer.com/article/10.1007/s00482-011-1019-2

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